Irian Jaya – Eine andere Seite von Indonesien

Posted on 13. Mai 2010. Filed under: Indonesien |

Letztlich habe ich ein sehr interessantes Buch gelesen! Mein Mutter hat es mir angepriesen: Du, ich hab da grad ein Buch über Indonesien! “Dschungelkind” von Sabine Kruegler. Allerdings geht es um eine ganz andere Seite von Indonesien, als die, die ich hier kennen lerne. Indonesien ist groß und besitzt viele Ethnien auf tausenden Inseln. In diesem Buch beschreibt die Autorin ihre Erfahrungen aus ihrer Kindheit auf Papua. Ja, richtig, sie ist Deutsche und auf Irian Jaya, dem westlichen Teil der Insel Papua der zu Indonesien gehört, aufgewachsen. Ihre Eltern sind Sprachforscher und zogen mit ihren drei Kindern tief in den Dschungel, um die Sprache eines dort lebenden Volkes, den Fayu, zu studieren. Auf Papua gab es bis dahin noch Stämme, die tief und unerreichbar im Inneren der Insel lebten. Sie hatten so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt und waren deshalb noch in der Steinzeit. Sie haben die Bronze- und Eisenzeit nicht von allein erreicht. Sie jagten noch mit Pfeil und Bogen aus Holz und benutzten Steinäxte. Ihre Sprache ist unbeeinflusst und deshalb besonders interessant für Sprachforscher.  

Mit einem dieser Stämme lebte die Familie in einer kleinen Hütte, die nur mit dem Hubschrauber zu erreichen ist. Sabine war fünf Jahre alt als die Familie in den Dschungel zog. Mit 17 kehrte sie nach Europa zurück. Ihre Eltern blieben im Dschungel. Es ist eine unglaublich spannende und auch aufrüttelnde Lebensgeschichte, die einem zum Nachdenken über unsere westliche Welt bringt.  

Satellitenbild von Indonesien, im Osten Papua

 

Im ersten Moment, denken die meisten von uns sicher, es war sehr gefährlich und vielleicht sogar fahrlässig von den Eltern, mit ihren kleinen Kindern in den Dschungel zu ziehen. Die Autorin beantwortet diese Frage mit der Aussage, dass es körperlich vielleicht gefährlicher war, psychisch allerdings eine deutlich angenehmere Kindheit war. Die westliche Welt mit all ihren geistigen Zwängen, war für sie unglaublich schwer zu begreifen und sie findet unser Leben deutlich anstrengender für den Geist, auch wenn es physisch sicherer sein mag.  

Sie beschreibt oft sehr lustig und anschaulich wie sie mit ihren Geschwistern im Dschungel groß geworden ist und sich mit den Stämmen angefreundet haben bis sie ein Teil von ihnen wurden. Ein großer Teil des Buches beschreibt aber auch den schweren Weg, sich später wieder in unserer Welt einzufügen. Als Kinder hatten sie eine fantastische Vorstellung vom Westen. Es war wie ein Paradies in dem es alles gab. Dazu muss man erst einmal verstehen unter welchen Bedingungen sie aufwuchsen. Bevor sie nach Indonesien zogen, lebten sie in Nepal. Die Kinder waren nur selten in Jakarta in einem Supermarkt. Sie kannten keine Züge, Computer, Markenprodukte – einfach alles mit dem wir so selbstverständlich groß werden. Völlig normale Sachen wie Geld oder Karrierewege waren ihnen fremd. Die Schattenseiten des Westens konnten sie sich nicht vorstellen. Auch, dass die Menschen andere Sitten haben, sich anschreien, war schwer zu verstehen. Im Dschungel wird beispielsweise nur geschrieen, wenn akute Lebensgefahr besteht. Sie musste in kürzester Zeit nachlernen, mit was unsere Kinder natürlich aufwachsen.  

Es gibt viele lustige Hollywood Filme, die beschreiben wie es einem Indianer oder Afrikaner in einer amerikanischen Großstadt geht. Sie hat dies selbst erlebt, aber es war lange nicht so lustig wie in den Filmen. Als junge Erwachsene allein in einer fremden Welt, stürzte sie in eine schwere Krise. Es war zu schwer, all die neuen Bräuche auf einmal zu lernen. Sie hatte panische Angst über eine Strasse ohne Ampel zu gehen, weil sie die Geschwindigkeit und das Verhalten der Autofahrer nicht einschätzen konnte. Sie sah aus wie jede Deutsche und wurde deshalb auch so behandelt. Dabei wusste sie selbst irgendwann nicht mehr wer sie war und wohin sie gehört. Zurück in den Dschungel konnte und wollte sie nicht.  

Trotzdem gibt es ein Happy End. Durch dieses Buch, sagt sie, hat sie zu sich selbst gefunden und sich ein Leben aufgebaut mit dem sie zufrieden ist. Ich habe viel über unsere zivilisierte, moderne Welt nachgedacht. Warum wir das alles tun. Der Zyklus aus Arbeiten und Konsum. Mit zwei ungeplanten Kindern und einer Scheidung musste sich die Autorin zwangsläufig in diesen Kreislauf einfügen. Ihre Kindheit bei den Fayu war völlig anders. Sie kennen unsere Zwänge nicht. All unser komplexes vorbereiten auf die Arbeitswelt existiert dort nicht. Wenn man Hunger hat fängt man sich einen Fisch, sammelt Früchte. Man baut sein Haus von Hand mit Hilfe von Freunden. Durch dieses Buch ist mir wieder bewusst geworden wie komplex unsere Welt ist. Wie schnell sie sich weiter entwickelt. Man versteht warum manche Menschen, besonders ältere, ein Problem haben, mit der Gesellschaft Schritt zu halten. Doch aufhalten lässt sich das nicht. Wir wollen es auch gar nicht. Denn mit der Entwicklung kommen viele Neuerungen, die uns das Leben einfacher und angenehmer gemacht haben. Von der modernen Medizin bis zum sicheren Fliegen.  

Inzwischen haben die Fayu auch mehr Kontakt zur Außenwelt und nehmen viele Innovationen an. Messer und Fischhacken sind ein beliebtes Tauschobjekt. Auch T-Shirts werden nun getragen. Bisher liefen Kinder immer nackt herum.  

Einige Menschen sähen es lieber, wenn man die Fayu weiterhin isolieren würde und sie in ihrer eigenen Welt weiterleben lassen würde. Sie vor dem westlichen Einfluss schützt. Allerdings erklärt die Autorin, dass das Leben für sie selbst dort zwar angenehm war, aber nicht für die Fayu. Die Kindersterblichkeitsrate war unglaublich hoch. Auch die allgemeine Lebenserwartung war nicht gut. Die meisten Kinder hatten dicke Bäuche wegen Wurmbefall und rote Haare wegen Vitaminmangel. Die Ernaehrung im Dschungel ist sehr einseitig. So romantisch wie man sich dieses isolierte, ursprüngliche Leben auch vorstellen mag, so schwer ist es in Wirklichkeit. Das Fernsehen hat eine tolle Fantasie vom unschuldigen, friedlichen Dschnungelbewohner der im Einklang mit der Natur lebt aufgebaut. Die Wahrheit ist anders. Es ist ein hartes, kurzes Leben. Vor allem die moderne Medizin kann vielen Menschen das Leben retten. Deshalb darf man diesen Menschen den Zugang dazu nicht verwehren.  

Auch waren die Fayu alles andere als friedfertig. Ihr Leben war von Krieg und Blutfehden zwischen den Stämmen geprägt. Das Volk dezimierte sich selbst bis nur noch wenige kleine Stämme übrig blieben. Die Familie der Autorin hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Fayu ihre Bräuche überdenken und die Kämpfe und Morde stoppen.  

Ich fand es ein sehr interessantes Buch, das mir eine ganz andere Seite von Indonesien gezeigt hat. Es ist ein riesiges Land mit vielen Ethnien und einer langen Geschichte. Inzwischen habe ich das zweite Buch der Autorin angefangen. In diesem Buch erzählt sie von ihrer ersten Reise zurück in den Dschungel. Es bleibt spannend.  

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